Wie entwickelte man einen "GEMISCHTEN WALD" im 19. Jahrhundert
 

Wie entstand früher ein naturnaher Dauerwald und kann man die damaligen Erkenntnisse in die heutige Waldentwicklung -  zum Beispiel am Heimatsgrund - mit einfließen lassen.

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Stadtwald - Hildburghausen - 09. August 2017

 

Die Wintermonate bieten die Möglichkeit, sich theoretisch mit dem Waldumbau zu befassen. Dabei ist es oft hilfreich, sich mit den Werken  von Waldleuten aus vergangen Zeiten auseinander zu setzen. Ich bin zur Zeit dabei das Buch von Karl Gayer "Der Gemischte Wald"- seine Begründung und Pflege - aus dem Jahre 1886 aufmerksam zu studieren. 

Dabei merkte ich schon nach den ersten 50 Seiten, dass viele der Themen voll und ganz auch auf unsere heutige Zeit angewandt werden können. Hier die ersten interessanten Passagen aus dem Buch:

Thema SCHADINSEKTEN:
"Wenn man die heutigen Verhältnisse in der Mehrzahl unserer großen Nadelholzbezirke mit den Zeiten vor 30 und 40 Jahren ( also um 1840)  vergleicht, - wenn man der damaligen kleinen Zahl, wenn auch oft recht empfindlich aufgetretenen WALDVERDERBER die große Menge der heute als gefürchtet gravierenden Arten gegenüber hält und gewahrt, dass viele noch vor 25 Jahren als unschädlich bezeichneten Insekten heute oft zu den Schlimmsten gehören - wenn man sich daran erinnert, dass man für gewisse Fälle früher noch einzelne Arten unterscheiden konnte, die NUR im jungen Holze, andere die NUR in älteren Wüchsen fraßen, oder NUR kranke Bäume befielen, und dass viele derselben heute geradezu als OMNIVORA (Allesfresser) bezeichnet werden können, - wenn man sieht, wie in weiten Bezirken die verschiedenen RÜSSELKÄFERARTEN und manch andere Pflanzentöter den nachhaltigen Fleiß des Wirtschafters, all sein Können und Bemühen vrspottet und denselben durch die fort und fort sich häufenden NACHBESSEREUNGEN an den Rand des Geschäftsbankrottes zu bringen droht, - wahrlich da kann es einem Bange werden um den Wald und seine Zukunft"
Oder zum Thema SCHNEEBRUCH:
Bedarf es bezüglich der SCHNEEBRUCHBESCHÄDIGUNGEN eigentlich keines Hinweises auf einzelne Waldgebiete, denn sie verursachen fast allerwärts in den Stangenholzbeständen des Nadelholzes mehr oder minder schlimme Verheerungen, so möchte ich doch nicht unterlassen, auf die speziellen Verhältnisse des Harzes und des THÜRINGER WALDES in diesem Sinne hinzuweisen. 
Dort war man durch die während der letzten Jahrzehnte fortgesetzt in so außerordentlichem Maße auftretenden Schneebruchbeschädigungen besonders veranlasst, der Frage um Abhilfe  näher zu treten und manche Vorschläge und Anschauungen kamen zur Erwägung.
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Johann Karl Gayer, im Alter von 56 Jahren auf den Münchener Waldbaulehrstuhl berufen, gab mit seinen Schriften der Waldbauwissenschaft entscheidende Impulse. In erster Linie mit seinem 1880 erschienenen Waldbaubuch und dem 1886 veröffentlichten Werk „Der gemischte Wald, seine Begründung und Pflege insbesondere durch Horst- und Gruppenwirtschaft“ legte Gayer den Grundstein für die waldbauliche Entwicklung in Bayern. Die Ideen Gayers entstammten nicht in erster Linie streng naturwissenschaftlichen Studien, sondern eher seinem reichen Erfahrungswissen, das er sich in der Zeit als Revierleiter in Speyer und als Lehrer in Aschaffenburg angeeignet hatte. Die Nähe zur forstlichen Praxis war sicher ein Grund, warum seine Lehren so rasch Eingang in die praktische Forstwirtschaft fanden

Man glaubte die Saat durch die Pflanzung, die Büschelpflanzung durch Einzelnpflanzung zu ersetzen, den Durchforstungen möglichst ausgedehnte Durchführung einräumen zu sollen; man versuchte alles und nun neigt man doch mehr und mehr  zur Erkenntnis, dass alle diese Hilfen keinen ausreichenden Schutz gewähren. so lange die reinen Nadelbestände nicht durch Mischwuchs in richtiger Art ersetzt werden.
Die gleiche Überzeugung hat in den thüringischen Landschaften Geltung gewonnen, wo der Schneebruchschaden seit mehreren Jahrzehnten sowohl in Bezug auf Häufigkeit des Eintrittes als hinsichtlich der Massenanfälle so erheblich zugenommen hat.
Und ein letztes Breispiel zum Thema WASSERHAUSHALT:
"So wird kaum zu leugnen sein, dass die wintergrünen Schattenhölzer, insbesondere der reine Fichtenbestand, in weit geringerem Grade befähigt ist, den Boden die gleiche FEUCHTIGKEITSZUFUHR zu verschaffen, als die sommergrünen Holzarten. Der zum vollen Schluss gewachsene Kronenschirm und die später zu erheblicher Mächtigkeit heranwachsende Moosdecke schließen in vielen  Fällen den Boden sowohl im Sommer wie im Winter oft so erheblich von der Zuführung der Niederschläge ab, dass die häufig zu machende Beobachtung einer auffallenden BODENVERTROCKNUNG schon während des Frühsommers wohl nur auf diese Ursache zurückgeführt werden kann.
Der Agrarwissenschaftler Boussingault aus Frankreich hat die Behauptung schon vor längerer Zeit aufgestellt, dass mit dem Anbau der Nadelhölzer ein Sinken des Grundwasserspiegels verbunden sei, und wie tausendfältig wurde auch schon bei uns die Wahrnehmung raschen Verschwindens der Bodennässe gemacht, nachdem eine volle Fichtenbestockung den betreffenden Ort in Besitz genommen hat."
Man erfährt so aus berufenen Munde, dass man auch schon im 19. Jahrhundert die Probleme kannte, die heute ganz genau so auf der Tagesordnung stehen. Nur hat man damals den "Schuldigen" im Waldanbau gesucht und auch gefunden, während heute viele Forstbeamte die Entwicklung ihrer instabilen Forste durch den KLIMAWANDEL und mit ihm die DÜRRE und den BORKENKÄFER  rechtfertigen.
 
DER "VORWUCHS"
Ein sehr wichtiges Thema bei der Umgestaltung der Wälder auch schon im 19.Jahrhundert
Ich lese dazu folgendes:
"Besondere Aufmerksamkeit in der Pflege des Vorwuchses von Tanne beobachtete man im Thüringer Walde, Gothaischen Anteils, wo auch in den zur Kahlschlagverjüngung ausersehenen Beständen die wuchskräftigen Voranwüchse der Tanne begünstigt werden. In den thüringischen Ländern, an den allermeisten Orten Bayern, in den Vogesen etc. erweist man der TANNENBEIMISCHUNG in die Fichten- und Buchenbestände wachsende Bedeutung durch VORWUCHSPFLEGE."
Interessante Aussagen aus dem 19. Jahrhundert!!
... und weiter liest man:
"Mit der Wirtschaft auf Vorwuchspflege ist der ERSTE SCHRITT in die Methode der HORST- UND GRUPPENWEISEN VERJÜNGUNG DURCH NATURBESAMUNG gethan, - denn er ist gleichbedeutend mit der Preisgabe der gleichförmigen Schlagführung". 
Kommen wir in diesem Zusammenhang kurz zurück in unsere heutige Zeit:
Wie ich schon öfters dargestellt und gezeigt habe, machen wir genau diese Arbeit seit einigen Jahren ehrenamtlich an speziellen Orten im Pleßwald. Dort, wo noch Alttannen stehen wird der Anflug durch uns speziell gegen Wildverbiss und Schälschäden geschützt.
"VORWUCHSPFLEGE" aber vor allem erst einmal "VORWUCHSSCHUTZ" durch:
SCHAFWOLLE gegen Verbiss des Terminaltriebes
bei den kleinen Weißtannen 
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Reisig als Schutz gegen Fegen und Verbiss durch Rotwild
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Reisig als Schutz gegen Fegen und Verbiss durch Rotwild
mit ehem. altem Drahtzaun "Ganzschutz" ausgewählter älterer Weißtannen
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Speziell für den NEUAUFBAU  des HEIMATSGRUNDES besteht also die erste und vornehmliche Arbeit im SCHUTZ UND DER PFLEGE DER  NATURVERJÜNGUNG
In diesem Falle sind es neben der Lärche, der Fichte und der Kiefer als Nadelbäume vor allem Eiche, Buche, Kirsche, Eberesche, die hier im Heimatsgrund GESCHÜTZT und GEPFLEGT werden müssen. Genau aus diesem Grunde werden wir, wenn der Frostboden aufgetaut ist, mit der Kennzeichnung dieser Baumarten mit Robinienstäben beginnen, damit sie bei den Waldpflegearbeiten später auch gut gesehen werden. 
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Interessante Aussagen aus dem 19. Jahrhundert ist auch der Blick auf die ÜBERHÄLTER!!
... denn dazu liest man:
"...Neben anderen hierzu betretenen Wegen sucht man an bestimmten Orten auch durch ÜBERHALT aller noch samenfähigen Buchen, Hainbuchen und Eichen zu bewirken, um damit wenigstens einigen Zwischen- und Unterstand von Laubholz durch natürlichen Samenfall zu gewinnen. Auch die freiwilligen Anflüge der Linde, Aspe, Birke und Haselnuss oder die während der KULTURREINIGUNGEN durch frische Stockhiebe gewonnenen Ausschläge werden da und dort durch PFLEGLICHE BEHANDLUNG wenigstens zum Zwecke der Unterstandsbildung mit herangezogen. ES ist gewiss ein richtiger Grundsatz, die HENNE NICHT ZU SCHLACHTEN, WENN MAN DEREN EIER WILL, d.h. alle noch fähigen Laubholzstangen und Stämme möglichst lange als Überhalt beizubehalten,"
Speziell auf den HEIMATSGRUND gilt dies auch in diesem Waldstück. Hier bedarf es vor allem erst einmal der Pflege der Altbäume, um sie weiter als Samenbäume zu nutzen.
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Durch das Studium der alten Forstliteratur erkennt man, dass wir mit den Arbeiten, die wir ehrenamtlich im Wald durchführen, auf genau dem richtigen Weg sind. Das gibt uns ein gutes Gefühl genauso weiterzuarbeiten.
 
Auch einen sehr interessanten Beitrag über das Thema MITTELWALD finde ich in diesem Buch.
Es gibt in Deutschland einige  Gemeindewälder, die als Mittelwald aufgebaut wurden. Was hat es mit dieser Waldbauart auf sich:
Bei WIKIPEDIA finden wir folgende Aussagen:
"Der Mittelwald besteht aus zwei Baumschichten, dem Oberholz, das alt werden darf und dem Unterholz, das etwa alle 30 Jahre flächig zum Beispiel als Brennholz geerntet wird. Diese Schichtung entwickelt sich, da man bei Aberntung der Stockausschläge gut gewachsene Bäumchen gewünschter Baumarten stehen ließ. Dabei handelte es sich um nutzholzliefernde Lichtbaumarten wie Eiche, Esche oder Pappel. Diese Kernwüchse (sogenannte „Lassreitel“) haben ähnliche Funktionen wie die Überhälter im Hochwald. Sie erlauben eine natürliche Verjüngung im Unterholz. Weiterhin entwickeln sie in dieser Waldform mächtige Kronen, die Refugien für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten darstellen
Schauen wir uns dazu heute einmal an, was Karl Gayer zum Thema MITTELWALD in seinem Buch schreibt:
"...Der ausgesprochendste MISCHWALD ist endlich der MITTELWALD, und soweit derselbe noch in pfleglicher Behandlung vorhanden ist, fand er auch schon seit lange eine Bewirtschaftung im Sinne des MISCHWUCHSES. Letzteres ist vor anderen von den oberrheinischen Mittelwäldern zu sagen, wo neben der Eiche auch der Esche, Erle, Rüster, Hainbuche, Ahorn, Pappel und selbst den Nadelhölzern schon seit Jahren eine nachahmungswerte Beachtung und Pflege zugewandt wurde. Ich erwähne in diesem Sinne und was Regeneration der Eiche betrifft der betreffenden Waldungen am Oberrhein, in denm fränkischen Hügelland und des immer noch HOLZARTENREICHEN MÜHLHAUSENER STADTWALDES und der Mittelwälder im sächsischen Tieflande. Wer einen Blick in die Waldverhältnisse Nordfrankreichs gethan hat muss hier mehr als irgendwo anders zur Überzeugung gelangt sein, dass im Laubholzgebiete kaum eine andere Bestandsform den Mischwuchs in ähnlichem Maße zu fördern und zu sichern imstande ist als der RICHTIG GEPFLEGTE MITTELWALD."
Einer dieser aus dem Mittelwald entstanden Gemeindewälder bei uns in Thüringen ist also der 
MÜHLHÄUSER STADTWALD!! - 
Da lohnt sich ja mal eine Exkursion durch diesen Stadtwald im Frühling.

Ich könnte mir gut vorstellen, dass diese Waldart "MITTELWALD" genau das Richtige wäre für den Gemeindewald Heimatsgrund. Zumal die Anzahl der Leute aus der Gemeinde, die eine Holzheizung haben oder sich noch eine zulegen werden, in den kommenden Jahren sicher zunehmen wird und somit auch die Gewähr da wäre, dass das geschlagene Holz bei den Durchforstungen auch gut genutzt würde.
Sicher wäre dies auch einer Überlegung wert bei der Neuausrichtung des Gemeindewaldes!